«Wer Identität sucht, sucht ein Trugbild»
Von Uwe Stolzmann
24. September 2019

Neue Zürcher Zeitung, 22. Juli 2019

«Wer Identität sucht, sucht ein Trugbild»

Keiner weiss das besser als Mia Couto.Er ist Schriftsteller, Wissenschafter und ein Europäer aus Afrika.

Scheinbar mühelos passiert er die Grenzen zwischen Ländern, Kulturen und Epochen: Mia Couto, Jahrgang 1955, ein weisser Autor aus Moçambique. Geboren wurde er als Sohn portugiesischer Migranten in der Hafenstadt Beira, heute lebt und lehrt er in der Hauptstadt Maputo. Couto ist Biologe und Chef der Firma Impacto – Projekte und Studien zur Umwelt. Er ist ein stiller Mann mit einer starken literarischen Stimme; 35 Bücher hat er publiziert. Für sein Schaffen erhielt er prestigereiche Preise.

Senhor Couto, Wenn Sie an das Beira Ihrer Kindheit denken – woran denken Sie?

An das Meer. Bei Flut stieg das Wasser in unsere Strasse. Und an die Trommeln. In der Weihnachtsnacht feierten nicht nur die Portugiesen; auch die Schwarzen durften feiern. Sie trommelten, und dieser Klang der Batucas hat mich beeindruckt: Plötzlich trat da eine Welt hervor, die sonst still und unsichtbar war.

«Jeder ist eine Menschheit für sich.
Jeder Mensch ist eine Rasse.»

Die koloniale Logik aller Städte in Moçambique funktionierte in Beira nicht. Überall sonst lagen die Viertel getrennt, aber Beira ist auf Sumpf gebaut. Das Wasser bestimmte, wo man bauen konnte. Aus unserer Wohnung im ersten Stock schaute ich auf ein Viertel der Einheimischen, gleich auf der anderen Seite der Strasse. Die Kolonialisten hatten es nicht geschafft, Afrika aus der Stadt zu stossen!

Das Lächeln nach dem Zyklon

Hatten Sie schwarze Freunde? 

Nicht viele. Doch mein bester Freund war ein schwarzer Junge, etwas älter als ich: João Joãoquinho. Er wurde Pastor einer Kirche, die Erwachsene im Meer taufte. Die afrikanische Welt erwachte durch die Geschichten der Kinder von der anderen Strassenseite. Die andere Welt durch die Geschichten und Lieder daheim. Aus diesen Stimmen habe ich mir eine eigene Welt gebaut.

Im März 2019 zog der Zyklon Idai über Ihre Heimatstadt. In einem Interview sagten Sie damals, Beira sei «Dunkelheit, Trauer und Stille». Fotos vom März zeigen Frauen in der Innenstadt; mit Kübeln auf dem Kopf waten sie durchs Wasser. Die Bilder sind klein, die Menschen weit weg, doch man sieht … 

… man sieht die Frauen lächeln. Unglaublich, nicht wahr? Die Stadt hat gelitten, doch die Menschen sind unglaublich vital. 

Meine Stadt lag im Delirium

1972 wurde Ihnen Beira zu klein, Sie zogen zum Studium nach Lourenço Marques, heute Maputo. 1972 – das war mitten im Befreiungskrieg gegen Portugal. Worin unterschieden sich die beiden Städte damals?

In Beira stand der Krieg gleich vor der Stadt. Beira lag im Delirium, die weissen Einwohner waren vor Angst gelähmt, sie wurden fast verrückt. In Lourenço Marques hingegen war der Krieg weit weg. Die Verrücktheit dort erinnerte an den Untergang des Römischen Reiches: grosse Feste, Stierkampf in der Arena.

Mit siebzehn gingen Sie zur Befreiungsfront FRELIMO. Was war Ihre grösste Prüfung? 

Wir arbeiteten im Untergrund, in der Uni und unter schwarzen Soldaten der Kolonialarmee. Wir druckten Flugblätter, damit sie desertieren. Natürlich hatte ich Angst, doch ein episches Gefühl hat die Angst besiegt: Ich war Teil von etwas Grossem. Die Arroganz der Jugend – nichts schien unmöglich!

Es war, als würde man ersticken

1974 war der Befreiungskrieg zu Ende. 1975 wurde Moçambique unabhängig, die meisten Weissen flohen in Panik. Sie aber sind geblieben. Zwei Jahre später begann der Bürgerkrieg gegen die RENAMO. Was hat Sie emotional am meisten mitgenommen?

Es war, als würde man ersticken, denn die Stadt war eingeschlossen. Die Leute hatten aber ihre Toten auf dem Land, auch ihre Feste! Ich war Direktor der Zeitung «Jornal de Noticias». Chefredakteur war ein junger Mann namens Pedro Tivane aus der Provinz Inhambane. Eines Tages sagte er, er würde in sein Heimatdorf fahren, zu einer religiösen Zeremonie. Wir wussten: Das ist gefährlich. Denn auf den Strassen gab es Überfälle der RENAMO. Zwei Tage später kam die Nachricht, alle seien tot – er, seine Frau, seine Kinder. Sie sind in ihrem Auto verbrannt. Ich musste einen Körper identifizieren, der nicht mehr identifizierbar war.

Was die für mich beste Lektion des Krieges war? Man kann miteinander reden, so weit entfernt der andere auch sein mag.

Krieg ist ein Horror-Schauspiel

Siebzehn Jahre hielt der Krieg das Land im Würgegriff. In Moçambique glaubte man, er würde nie aufhören. Doch 1992 gab es ein Friedensabkommen. Ist der Bürgerkrieg also vorbei? 

Ja. Ich glaube ja. Ich bin nicht ganz sicher. Zurzeit wird ein zweites Abkommen vorbereitet, die letzten Kämpfer der RENAMO sollen demobilisiert werden. Doch vielleicht gibt es immer noch Gruppen, die als Guerilla weiter gegen den Staat kämpfen. Um Vorteile zu erpressen.

«Krieg ist ein Horror-Schauspiel, aber auch eine Möglichkeit, Dinge zu sehen, die wir unter normalen Bedingungen nicht sehen können.» Das sagten Sie in unserem Gespräch 1999. 

Sie nannten den Krieg damals einen Dämon: Er sitze in einer Truhe, und die Leute hätten Angst, die Truhe zu öffnen. Wo steckt der Dämon heute? Ist er gebannt? 

Er ist lebendiger denn je. Denn wir erleben einen Zustand des allgemeinen Krieges. Es ist ein unerklärter Krieg – gegen Minderheiten, gegen Immigranten, gegen die Frau, gegen unreine Rassen, auch ein Krieg gegen die, die anders denken. 

Herr Couto, wer sind Sie?

Sie sind ein erfolgreicher Autor, ihr grosses Thema heisst «Identität». Darum die Frage: Herr Couto, wer sind Sie? 

Ich könnte nur mit einer Lüge antworten, denn niemand weiss, wer er ist. Wir sind so vieles gleichzeitig. Ich bin ein Afrikaner, der aus Europa kommt. Ich bin ein Schriftsteller in einer Region, in der das Mündliche dominiert. Ich bin Atheist in einem tief religiösen Land, ein Wissenschaftler unter Menschen, die nach anderen Antworten suchen. Identität ist tatsächlich mein Thema, doch ich weiss: Wer Identität sucht, sucht nach einem Trugbild. 

Um seine Identität zu umschreiben, nutzt der Erzähler José Eduardo Agualusa aus Angola gern den Begriff «Lusophonie». Nach diesem Konzept bilden alle Länder portugiesischer Sprache einen kulturellen Raum. Was Sind Sie, sprachlich – Portugiese, Afrikaner oder Bewohner dieser lusophonen Welt? 

Lusophon? Nein. Ich kann dieses Konzept nicht akzeptieren. Weil es in Portugal erfunden wurde. Wer von Afrika spricht, teilt den Kontinent gern in anglophon, frankophon, lusophon. Ganz so, als könne man Afrika durch etwas definieren, das ausserhalb liegt. Ich habe in meiner Muttersprache meine eigene Sprache gefunden. Und die entstand durch den Austausch zwischen den Kulturen Moçambiques.

Beharrlich zwischen zwei Welten

In Ihrem Roman «Imani» von 2015 wandelt eine Mosambikanerin im 19. Jahrhundert beharrlich zwischen zwei Welten, Schwarz und Weiss. Sie meinten einmal: Die erstrebenswerte Identität bestehe in der Vielfalt. Wie lässt sich die heutige Identität Moçambiques beschreiben? 

Ein bisschen wie die der Schweiz, doch stehen wir erst am Anfang des Weges. Als was fühlt sich ein Mosambikaner aus der grossen Ethnie der Shona? Ist er erst Mosambikaner und dann Shona oder ein Shona, der auch Mosambikaner ist? In einer Erzählung von 1990 sagt eine meiner Figuren: «Jeder ist eine Menschheit für sich. Jeder Mensch ist eine Rasse, Herr Polizist.»

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