James Bond im Bürgerkrieg

26. Januar 2020

NZZ am Sonntag, 26. Januar 2020

James Bond im Bürgerkrieg

Arturo Pérez-Reverte schickt einen unmoralischen Helden auf die Reise

Das Böse ist gut ist böse: Wer die jüngsten Bücher von Arturo Pérez-Reverte liest, dem wird schnell schwindlig. Bisher lieferte der Spanier bekömmliche Kost – dreissig Romane, Bestseller, schnell und routiniert. Viele spielen im mystisch Vergangenen. «Der Club Dumas» wurde von Polański verfilmt. Und die «Königin des Südens» herrscht über gleich zwei TV-Serien. Viel Anklang findet auch die Reihe um Diego Alatriste, Söldner aus dem 17. Jahrhundert, er sieht Spaniens Weltreich untergehen. Eine Figur von Format ist dieser Alatriste und Pérez-Reverte ein glänzender Autor; 2003 wurde er Mitglied der Real Academia Española.

Schönling und Spion

Und nun das: eine Trilogie um einen Schurken im Spanischen Bürgerkrieg (1936-39), einen Wanderer zwischen den Welten – hier die Republik, dort die «Nationale Zone» von Putschgeneral Franco. Gestatten? Falcó, Lorenzo Falcó, Schönling und Spion. Der letzte Band der Reihe heisst auf Deutsch «Das Los, das man zieht», im Original «Sabotaje». Die Story: Einmal mehr verdingt sich Falcó bei Francos Geheimdienst. Getarnt als Lebemann erfüllt er 1937 in Paris eine Mission: Er stört einen linken Künstler bei der Arbeit. Für die Pariser Weltausstellung malt der Mann ein Ölbild, viel Schwarz und Grau, viel Fläche. Der Maler heisst Picasso, das Werk «Guernica». Die Republik Spanien will das anklagende Bild in der Ausstellung zeigen; Falcó soll es vernichten.

Teure Uhren, Frauen mit Kurven

Dieser Falcó ist pures Klischee. Er trägt Gel im Haar, mag teure Uhren, Frauen mit Kurven, und er lächelt wie ein Hai. Falcó, der Auftragskiller. Wie er mit seinen Toten klarkomme? «Gut», sagt er. «Auf welcher Seite stehst du?», fragt ihn eine schwarze Schöne und meint Rechts oder Links. «Ich stehe immer auf meiner Seite», erwidert Falcó. Pérez-Revertes Thriller hat Tempo, aber kaum Tiefgang – zugeklappt, vergessen. Wenn nur die Irritation nicht wäre: Wie redet der Mann über den Bürgerkrieg? Bis heute sind die Fronten in Spanien verhärtet, pro oder contra Republik. Genau in dieses Muster, zwischen die Lager, grätscht der Autor frech hinein.

Eine Republik aus Irren und Mördern

Die Roten kommen in der Trilogie schlecht weg. Von Blutbädern ist die Rede, von einer «Republik aus Irren und Mördern». Und die «Nationalen»? Wirken ebenso mies. Ihre Terrorbanden verwüsten das Land; Falcó verachtet sie. Doch er nimmt von beiden Seiten. Ja, die Romane wirken amoralisch. Wer den Autor verstehen will, muss in seine Vita gehen: Die Grossväter, gebildet, lagen mit ihrer Weltsicht weit auseinander. Ein Onkel wurde Opfer des Konflikts; Band drei ist ihm gewidmet: «Für Lorenzo Pérez-Reverte, Soldat der Republik, der mit sechzehn Jahren in den Krieg zog, mit neunzehn zurückkehrte und vor seinem zweiundzwanzigsten Geburtstag starb.» Eine alte Schussverletzung in der Lunge. Lorenzo starb einen sinnlosen Tod; Falcó trägt seinen Vornamen.

Der Aufschrei blieb aus

In Spanien mit seiner gespaltenen Kultur der Erinnerung müssten die Romane für einen Aufschrei sorgen. Der Krieg als Kulisse für zynische Triller? Provokation! Da verhöhnt einer die Ideale beider Lager! Doch der Aufschrei blieb aus: Auf Facebook ernten Falcó und sein Erfinder hymnischen Zuspruch. Wo steht der Autor politisch? Links. Doch zwanzig Jahre lang war er Kriegskorrespondent, in Afrika und auf dem Balkan. Ein Mann mit Hang zum Risiko, gern weit vorn, dort, wo Schwarz und Weiss verschwimmen. «Ich schreibe keine Romane, um das Böse zu verurteilen.» Das sagte Arturo Pérez-Reverte in einem Interview. «Ich schreibe Romane, die vom wirklichen Leben erzählen, so wie ich es erlebt habe.» Falcó ist eine Metapher für dieses wirkliche Leben des Pérez-Reverte: Mehr Held hat unsere Zeit nicht zu bieten.

Arturo Pérez-Reverte: Das Los, das man zieht. Roman. Aus dem Spanischen von Petra Zickmann. Insel Verlag, Berlin 2019. 432 S. Fr. 34.50.

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