Im Kreidekreis des Ruhms

29. November 2019

NZZ am Sonntag, 1. Dezember 2019

Im Kreidekreis des Ruhms

Michi Strausfeld öffnet eine Schatztruhe – die Literatur Lateinamerikas

14. Mai 2001, Mario Vargas Llosa empfängt im Kempinski Hotel beim Ku’damm in Berlin. Zehn Jahre hat der Rezensent auf dieses Interview gewartet, nun wird es kurz. «Was ein Journalist nicht in zwanzig Minuten erfragen kann, erfährt er gar nicht mehr», sagt Vargas Llosa, der spätere Nobelpreisträger.

«Beau und Kaiman», so nannte ihn eine Autorin: Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa

Foto: Uwe Stolzmann

Neben ihm sitzt eine Frau – fürsorglich, Brille, braunes Haar –, sie übersetzt und ergreift schwungvoll Partei: Michi Strausfeld. Das also ist sie!, denkt der Rezensent. Jene Frau, deren Einfluss auf den Literaturbetrieb kaum zu überschätzen ist. Eine Frau, die Tausenden von Lesern Tausende gute Stunden schenkte.

Der Boom in Barcelona

Michi Strausfeld, Jahrgang 1945, wohnt in Berlin und Barcelona. Übersetzerin und Herausgeberin ist sie, vor allem aber Vermittlerin: Sie hat die Literatur Lateinamerikas bei uns bekannt gemacht, sie kennt die Stars der Szene. In Europa gibt es diese Szene seit Ende der sechziger Jahre.

Schlagartig sind die Autoren aus dem Süden damals bekannt geworden, die innovativen Magier des Wortes: Augusto Roa Bastos, Jorge Luis Borges, Julio Cortázar, Mario Vargas Llosa, Gabriel García Márquez. Als «Boom» ging das Phänomen in die Geschichte ein; Barcelona war seine Hauptstadt. Einige lateinamerikanische Autoren lebten damals in der Stadt, andere kamen vorbei; Strausfeld hat sie alle getroffen, begleitet, gefördert.

«Der Diktator – das grosse mythologische Monster unserer Geschichte» 

1970 begann Michi Strausfeld ihre Dissertation über «Hundert Jahre Einsamkeit», García Márquez’ Opus Magnum von 1967. Ab 1974 war sie über dreissig Jahre lang beim Suhrkamp-Verlag, dann weitere acht Jahre bei S. Fischer, eine Fährtensucherin, zuständig für die reichen Lateinamerika-Programme. Allein bei Suhrkamp erschienen unter Siegfried Unseld mehr als 350 Bücher aus dem Süden.

 

Als wären es die Namen von Freunden: Bücher von Onetti und Cortázar, Roa Bastos und Rulfo im Suhrkamp-Verlag

Foto: Uwe Stolzmann

Ein fast massloses Projekt

2015 kam Michi Strausfeld für einen Vortrag nach Zürich. Warum sie ihre Erfahrungen nicht bündele, wollte der Gastgeber wissen, Andreas Breitenstein, ein Redaktor der NZZ. Diese Frage, schreibt Strausfeld, war die «Initialzündung» für ein fast masslos wirkendes Projekt. Wenige Jahre später ist es massvoll beendet: ein Buch aus Wissen und Passion, 560 kurzweilige Seiten lang, eine Schatztruhe, ein Füllhorn.

«Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren». Den sperrigen Titel illustriert Strausfeld mit Zitaten von Gabriel García Márquez. «Nun fielen ihr die gelben Schmetterlinge ein», heisst es in «Hundert Jahre Einsamkeit». An anderer Stelle, in einem Gespräch, äusserte sich der kolumbianische Nobelpreisträger über ein Phänomen so vieler Länder – die omnipräsenten Tyrannen. Sie seien, sagte er, «das grosse mythologische Monster unserer Geschichte», der Beitrag des Kontinents zu den Gestalten der Weltliteratur.

«Mit Isabel Allende spazierte sie durch San Francisco, Vargas Llosa nahm sie mit auf den Amazonas.»

Der Titel umreisst mithin zwei Stoffe des Buchs: den «Magischen Realismus» und das Genre der Diktatorenromane. Ein drittes Thema: Viele Autoren zeigten «ein Gefühl besonderer Verantwortung für das eigene Land».

Wunderbar und erschreckend

Warum gibt es dieses Buch? Weil Strausfeld noch immer ihre Mission hat. Sie will uns den anderen Kontinent näherbringen, seine «wunderbare oder erschreckende Wirklichkeit».

Europa und Lateinamerika seien miteinander verknüpft – durch Kultur, Sprache, Geschichte. Jedoch: «Latinos wissen viel über die Geschichte und Kultur Europas, umgekehrt ist das nicht der Fall.»

Ein Füllhorn der Farben, ein Genuss für die Augen: Mais im Hochland der Anden

Foto: Uwe Stolzmann

Ein Mosaik ist das Buch, ein Chor aus vielen Stimmen. Sie wollte keine Kultur- oder Literaturgeschichte liefern, keine Studie, schreibt die Autorin. Und dennoch!, möchte man widersprechen, das alles ist das Werk durchaus, Geschichte, Studie und Erzählprosa in einem.

Schneisen durch die Jahrhunderte

Michi Strausfeld macht einen Streifzug durch fünf Jahrhunderte; sie berührt Essays, Gedichte, vor allem aber «Romane, die Geschichte geschrieben, und Romane, die Geschichte erzählt haben». Im Fokus stehen die Autoren des Booms, Strausfelds Nachbarn aus Barcelona. Viel Stoff musste die Autorin komprimieren, manches blieb ausgespart. «Ich habe lediglich Schneisen gezogen, die vom Entdecker Kolumbus bis zur aktuellen Drogenproblematik auf dem Kontinent reichen.»

Strassenszene in Peru: Rätselhaft und unergründlich – das ist Südamerika

Foto: Uwe Stolzmann

Das Buch ist chronologisch gegliedert. Zwischen die Kapitel über Epochen und ihre Trends hat Michi Strausfeld Rückblenden geschoben, persönliche Notizen: Erinnerungen an Begegnungen und Gespräche. Mit Alejo Carpentier spazierte sie durch Paris, mit Isabel Allende durch San Francisco.

Mario Vargas Llosa nahm sie mit auf den Amazonas, Juan Carlos Onetti empfing sie in Madrid. Dem Mexikaner Octavio Paz ist sie in Stockholm begegnet, Carlos Fuentes überall – und García Márquez natürlich in Barcelona. Sie erlebte, wie der Erzähler immer einsamer wurde, immer scheuer, gefangen im Kreidekreis des Ruhms.

Ein Buch wie ein Fest

Für Leser mit einem Faible für den Reichtum und Irrwitz der Literatur ist dieses Buch ein grosses Fest: Über Jahre, vielleicht Jahrzehnte hat man gute Bekannte aus den Augen verloren, doch plötzlich sind sie gleich zu Dutzenden wieder da: Die Namen von Freunden. Die Titel von Büchern, fast jedes ein Abenteuer, eine Wohltat.

«Lateinamerika war uns einmal wichtig, als Schlachtfeld schrecklicher Kriege, als Tummelplatz wüster Tyrannen.»

Ein Hauch Wehmut zieht durch das Buch, denn Strausfeld erzählt von Vergangenem, von einer guten Vergangenheit, in der ein frischer Wind aus Süden über unseren Buchmarkt ging. Seit etwa 2000 hat sich der Horizont verengt; nur noch bruchstückhaft sehen wir die spanischsprachige Literatur, wie durch Sehschlitze, Schiessscharten.

Eine Epoche ist vorbei, das Interesse erloschen: Unterwegs in der Ödnis Patagoniens

Foto: Uwe Stolzmann

Lateinamerika war uns einmal wichtig, als Schlachtfeld schrecklicher Kriege, als Tummelplatz wüster Tyrannen. Die Epoche ist vorbei, das grosse Interesse erloschen. Bolaño, der sorgte vor kurzem noch einmal für Wirbel, Roberto Bolaño aus Chile; doch da war er schon tot.

Michi Strausfelds Werk ist ein wunderliches Buch, ein Felsblock im Fluss des Literaturbetriebs. Auch ein Denkmal. Und ein Lesebuch von kluger, unterhaltsamer Art.

Michi Strausfeld: Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren. Lateinamerika erzählt seine Geschichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2019. 568 S., Fr. 41.90.

Schneisen durch Zeiten und Räume: Paraguay, eine Jesuiten-Kirche aus dem 18. Jahrhundert

Foto: Uwe Stolzmann

Das könnte Sie auch interessieren

James Bond im Bürgerkrieg

Arturo Pérez-Reverte schickt einen unmoralischen Helden auf die Reise

Im Kreidekreis des Ruhms

14. Mai 2001, Mario Vargas Llosa empfängt im Kempinski Hotel beim Ku’damm in Berlin.

Aber Kuba bleibt ein Schmerz, eine Narbe

Einige der berühmten Autoren, von denen Michi Strausfeld in ihrem Buch erzählt, hat Uwe Stolzmann selbst interviewt. In besonderer Erinnerung bleibt der Besuch bei Guillermo Cabrera Infante.

Eine Krise? Nein, ein Skandal!

In Zürich läuft ein Thriller, live. Die Kulisse: Paradeplatz, das Herz der Finanzwelt. Die Protagonisten: Tidjane Thiam, CEO der Credit Suisse, und Iqbal Khan, bis vor kurzem Manager der CS.

«Wer Identität sucht, sucht ein Trugbild»

Keiner weiss das besser als Mia Couto. Er ist Schriftsteller, Wissenschafter und ein Europäer aus Afrika.

Lesbarkeit

Wie gut ist Ihr Text?
Bitte geben Sie hier Ihren Text ein:

Ihr Ergebnis:

Ihr Kurs

Wünschen Sie ein Coaching?
Brauchen Sie einen Kurs?
Können wir Ihnen helfen?
Nehmen Sie mit uns Kontakt auf:

Wofür interessieren Sie sich?

Datenschutz

Ihr Nutzen

Wenn Sie Kurs oder Coaching buchen

Botschaften

Ihre Botschaften kommen an – bei Kunden, Partnern, in der Öffentlichkeit.

Texte

Die Leser lesen Ihre Texte gern. Sogar dann, wenn ihnen das Thema wenig sympathisch ist.

Kunden

Sie sorgen für höhere Kundenbindung. Und sie stärken Ihr Profil und das Ihres Unternehmens.

Jeanette über Uwe

Ein Mann von scharfem Verstand, guter Analytiker. Grosszügig, cool, ein Gentleman. Langläufer und Schwimmer, trainiert und diszipliniert. Wer mit ihm Yoga macht, kommt schnell ins Schwitzen. Als Journalist geht er in gefährliche Länder und auch gern mal an die Grenze. Im Interview oder Gespräch bringt Uwe selbst Schweigsame zum Reden: Oft erzählen sie ihm Dinge, die sie noch nie erzählt haben.

Uwe über Jeannette

Eine Frau mit Pioniergeist, ins Reisen verliebt – je exotischer desto besser. Kaltduscherin, Automatikfahrerin. Sie liebt ihr Klavier, sie traktiert ihr Klavier, das lüfte den Kopf. Sie liebt auch die gute Küche – so sagt sie von sich – und viele Freunde an ihrem Tisch. Aber das wäre Klischee. Jeannette war Kickboxerin, war Degenfechterin. Und so sehe ich sie: geradlinig, furchtlos, elegant.

Share This