Aber Kuba bleibt ein Schmerz, eine Narbe
29. November 2019

NZZ am Sonntag, 1. Dezember 2019

Aber Kuba bleibt ein Schmerz, eine Narbe

Einige der berühmten Autoren, von denen Michi Strausfeld in ihrem Buch erzählt, hat Uwe Stolzmann selbst interviewt. Etwa Carmen Boullosa, Augusto Roa Bastos und Alfredo Bryce Echenique. In besonderer Erinnerung bleibt der Besuch bei Guillermo Cabrera Infante.

London, ein Sonntag Anfang 2002. Eine vormals feine Gegend, ein weisses Reihenhaus von 1830: Gloucester Road 53. «This is South Kensington», sagt ein Mann vor der Tür im Regen. Der Mann schreibt perfekt in der fremden Sprache, doch spricht er sie ewig wie ein Kubaner: Guillermo Cabrera Infante, klein und kräftig, mit eisgrauer Mähne, Brille und energischem Blick. Schon springt er ins Spanische. «Es regnet viel. Schrecklich. Du bist ja ganz nass!»

Ein Erzähler von Weltrang: Der Kubaner Guillermo Cabrera Infante (1929-2005) in seinem Londoner Exil

Foto: Uwe Stolzmann

«Ich habe Che nicht ertragen»

Cabrera Infante ist Jahrgang 1929. Gut zwanzig Jahre lebte er in Havanna; hier sah er den Einzug der Bärtigen. «Ich habe die Revolution gefeiert. Doch der Machismo ihrer Führer stiess mich ab. Che Guevara habe ich nicht ertragen. Und Fidel Castro fand ich grässlich.» 

«Castro ist ein Tyrann, was soll er sonst sein? Das ist ja, als würde ich dich fragen, wer Hitler für dich ist!»

Der Besucher hat Bücher erwartet, und da sind sie, Tausende, ein Büchergebirge. Es gibt: Tee, Rum, Zigarre? Es gibt ein langes Gespräch mit einem bissigen Denker. Wer ist Castro für Sie? «Ein Tyrann, was soll er sonst sein? Das ist ja, als würde ich dich fragen, wer Hitler für dich ist!»

Drei traurige Tiger

An einer Wand hängt ein Plakat von einer Lesung. Auf dem Programm: der Roman «Drei traurige Tiger»; Rückblick auf eine Welt, die mit dem Sieg der Rebellen versank – das verrückte Havanna von 1958, die Welt der Bars und Bordelle. Das Buch, ein «Jahrhundertroman» (Michi Strausfeld), erschien 1967. In Kuba wurde es verboten.

Im selben Jahr 67 ging sein Autor ins Londoner Exil, Guillermo Cabrera Infante, einer der wichtigsten Erzähler Lateinamerikas, Cervantes-Preisträger, längst ist er ein Klassiker. «Hier kennt mich niemand. Weil ich kaum rausgehe.» Wegen des Klimas? «Merkst du hier drin was vom Klima? Aha!» Er hustet. «Nein, das ist Kuba. José Martí sagte: ‹Kuba lebt man auf fremder Erde.› Die Entscheidung wurde mir von der Geschichte abgenommen!» 

Ein Autogramm von Cabrera Infante, in einem seiner Bücher: „Für Uwe, dieser Kuba-Führer. London, Januar 2002“

Foto: Uwe Stolzmann

Kuba ist eine Insel in London. Aber Kuba ist auch eine Narbe, ein Schmerz. «Havanna war für mich alles», sagt Cabrera Infante. «Reines Licht, eine Fata Morgana. Havanna ist der Traum, den ich hatte. Ein Traum, der sich in einen Alptraum verwandelte.» Dieser Schmerz: Bis zum Tod des Autors Anfang 2005 wird er nicht vergehen.

 

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